Jeder Tür wohnt ein Zauber inne

Eine Kurz-Reportage von Paolo Gallio

Die erste Frage, die mir durch den Kopf schießt: Bin ich hier überhaupt richtig? Als ich mit meinen Dokumentationspartnern morgens durch den Flur laufe, ist alles ganz still. Keine Geräusche, keine offenen Türen und keine Schüler*innen zu sehen. Keine Festivalstimmung. Ich habe zwar einen Plan, auf dem steht, welcher Workshop in welchem Raum stattfindet – den möchte ich aber eigentlich nicht benutzen. Lieber laufe ich durch das Gebäude und schaue, was mich anzieht, wo ich lande. Ich laufe. Durch den zweiten Stock. An vielen Türen vorbei. Zu viele. Mist, wäre der Plan doch keine schlechte Idee gewesen?

Dann bleibe ich vor einer Tür stehen, interessant … Auf dem Schild steht: „Born this way“. Ich halte mein Ohr an die Tür, nichts zu hören. Das Datum stimmt aber. Also klopfe ich und gehe rein. Eine Welle der Konzentration fließt durch meinen Körper. Es geht um sexuelle Identität, gesellschaftliche Rollenbilder und die strukturelle Unterdrückung von Minderheiten. Hier gefällt es mir. Ich bleibe einen Moment stehen und höre einfach nur zu. Die Stimmung ist gut und locker – aber alle wirken interessiert. Ich mache mir ein paar Notizen und gehe mit einem dankenden Nicken wieder raus. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich diesem Workshop begegne.

Ich laufe an noch mehr Türen vorbei, vor jeder hängen Schilder – das Angebot ist groß. Ich schaue mal hier und mal da rein, immer begleitet von meinen zwei Dokumentationspartnern. Wir wollen Tagebucheinträge schreiben, um einen kleinen Einblick in die Workshops geben. Vor jedem Einblick gibt es eine Tür. Türen über Türen. Hier „Prävention für Radikalisierung im Internet“ und da ein „Bitcoin-Workshop“. Ja, ich freue mich bereits auf die nächsten zwei Tage – ob die Stimmung überall so ernst ist wie bei „Born this way“?

Ein Gang ins Stockwerk über uns belehrt mich eines Besseren. Farbe. Es riecht eindeutig nach Farbe. Und nach Kleber. Offenes Atelier, lese ich, das ergibt Sinn. Kinder rennen rum, überall auf dem Boden liegen kleine Tonklumpen. Dritter Stock, hier ist die Welt noch in Ordnung. Ich habe eigentlich Lust, ein paar Interviews zu führen. Doch das ist gar nicht so leicht, alle sind so vertieft in ihre Arbeit.

In der Pause hole ich mir schnell ein Brötchen und eine Club Mate beim Bäcker, ich möchte ja wachbleiben. Lachen. Eine Rauchwolke. Nur ein Haufen Jugendliche. Doch irgendetwas ist anders. Ich weiß nur noch nicht was.

In den nächsten Stunden nehme ich mir vor, zu beobachten. Ich schaue mir die Menschen an, die Workshops gebucht haben und jene, die welche anbieten. Manche Kursleiter*innen reagieren genervt oder gestresst, wenn ich reinkomme. Davon lasse ich mich nicht stören, schließlich weiß ich ja, dass es meine Aufgabe ist. Und nicht nur die Workshop-Teilehmer*innen haben Spaß. Auch die Workshop-Geber*innen wirken glücklich. Es muss ein gutes Gefühl sein, wenn man etwas unterrichten kann, was man sich selbst ausgesucht hat. Ich denke, bei dem Festival geht es tatsächlich darum: Lernende und Lehrende auf Augenhöhe zu bringen. Es geht um Diskussionen, verschiedene Meinungen und Geschmäcker. Es gibt kein „richtig oder falsch“ –dementsprechend auch keine Noten. Danke, liebe OHO, für diese Möglichkeit.

Auch am nächsten Tagen wird es nur besser. Alle sind nach kurzer Zeit in eine Art Flow gekommen. Jede*r hilft, und es gibt genug Themen, die sich überschneiden und gegenseitig inspirieren. Und jetzt weiß ich auch, was anders ist als sonst. Der Ton und die Themen. Die Gespräche. Normalerweise wird unter uns kaum über Schule gesprochen – und wenn, dann wird nur genörgelt. Heute nicht. Es geht nur um Schule – und die Gespräche sind vorwiegend angenehm und begeistert.

Am ende des zweiten Tages bin ich ziemlich müde aber zufrieden. Ich habe mit vielen verschiedenen Schüler*innen sprechen können. Abends noch die Texte fertigstellen, die Website startklar machen und sich auf die Präsentation freuen.

Ich würde sagen: gelungen. Allein der Fakt, dass ich hier schreiben kann und mich damit an Euch alle richte, macht dieses Festival für mich schon spektakulär genug. Und es gibt so viele, die tolle Projekte geschaffen haben. Ich freue mich schon auf das nächste Festival.

Danke an alle Beteiligten!

Euer,

Paolo